Ottomane

(2016)

Photonews über Ottomane

[…] Räume über und über mit Teppichen ausgelegt und behängt, entfernen sich stark von üblichen Formen des Wohnens, der traditionellen Anordnung von Möbeln und dekorativen Elementen. Mona Schulzek hebt in ihren Arrangements die räumliche Wirkung auf, in dem sie die Teppichlandschaft über alle Flächen ausbreitet. Oben ist unten, kann aber auch an der Seite sein. Nichts in diesen fiktiven Räumen wirkt gewöhnlich und vertraut. Ihr Interesse gilt „dem Raum und dessen Verwandlungen zu bildhauerischen Plastik.“
Und doch, erweitert man den inneren Blick auf andere Länder und Kulturen, gibt es durchaus Parallelen zu den Jurten in den Weiten Asiens oder den Nomadenzelten in Afrika, wo Teppiche die fundamentalen Bestandteil der Lebensräume verkörpern.
Mona Schulzek interessierte bei ihren skulptural anmutenden Installationen das Zusammenspiel der Ornamente, die in jedem einzelnen Teppich und dann in der Gesamtheit des Bildes mit einem neuen Muster ihre Wirkung entfalten.
Orientalische Teppiche, sofern sie echt sind, bedeuten auch Reichtum. Ihre Schichtung, wie es in Nomadenzelten üblich ist, potenziert diese Wirkung.
Teppiche sind zudem wie gewebte Tagebücher, die das Leben von Generationen dokumentieren – Gebrauchsspuren als Fenster zu einer, in manchen Fällen Jahrhunderte zurück reichenden Geschichte.
Die tatsächlichen „Räume“ hinter den Teppichschichtungen verbirgt Mona Schulzek. Vielleicht gibt es sie, vielleicht sind diese nur für den Zweck gebaut, um die räumliche Illusion zu unterstützen. Doch auch die Räumlichkeit als dreidimensionales Gebilde verliert sich in dem Rausch der Muster und aus den einzelnen Teppichen entsteht optisch ein neues, einem großen Teppich ähnelndes Gebilde.

Der Teppich als Metapher
Mona Schulzeks Auseinandersetzung mit dem Teppich wurzelt in dessen Vielschichtigkeit als dekoratives Wohnaccessoires und zugleich als ein mit Symbolik gesättigtes Objekt. „Die Orientteppiche waren Replikate der persischen Gärten, auf denen sich die symbolische Vollkommenheit der ganzen Welt widerspiegeln sollte. Der Teppich wurde damit ein im Raum mobiler Garten“, schreibt sie.
Über die Fabeln vom fliegenden Teppich schließt sich die Brücke zu der Ottomane, auf der orientalische Geschichtenerzähler gerne Platz nahmen, um, in der Runde gespannter Zuhörer, ihre fabelhaften Geschichten vorzutragen.
Sigmund Freud war zwar kein Märchenerzähler, er besaß jedoch auch eine Ottomane, auf der er verschiedene Orientteppiche ausgelegt hat. Die Teppiche waren somit nicht nur dekoratives Element seines Arbeitszimmers, sondern auch Teil seiner analytischen Arbeit. „Freud sah eine Beziehung zwischen den Strukturen des Unbewussten und den geknüpften Mustern und Figuren eines Teppichs. Ihr Zusammenspiel zu untersuchen, kann die Funktionen des menschlichen Bewusstseins erschließen.“ […]

(Photonews, Nr. 11/19)

 

Ottomane I

 

Ottomane II

 

Ottomane III

 

Ottomane IV

 

Ottomane V

 

Über persische Gärten und Freuds fliegenden Teppich

Der Garten, als eine erstaunliche Schöpfung von Jahrtausenden, hatte im Orient starke und vielschichtige Bedeutungen. Der traditionelle Garten der Perser war ein geheiligter Raum, der in seinem Rechteck die vier Elemente enthalten musste und in dessen Mitte, welche den Nabel der Welt darstellte, sich ein Teich und eine Wasserfontäne befand. Die ganze Vegetation des Gartens musste sich in diesem Mikrokosmos verteilen.
Die Orientteppiche waren Replikate der persischen Gärten, auf denen sich die symbolische Vollkommenheit der ganzen Welt widerspiegeln sollte. Der Teppich wurde damit ein im Raum mobiler Garten. Er bewegte sich in der Welt, die er gleichzeitig darstellt.

Der Fliegende Perserteppich, wie wir ihn aus den Geschichten von Tausendundeiner Nacht kennen, ist ein Symbol der Befreiung des Menschen. Der Traum vom Fliegen steht in Abhängigkeit zur Gravitation, also der buchstäblichen Erdanziehung, die Bedürfnisse nach Simulationen der Entkörperlichung und der Unabhängigkeit von Gesetzen der Schwerkraft erzeugt. Neben dem Traum vom Fliegen, ist der Fliegende Teppich außerdem ein Symbol für die unsagbaren Möglichkeit der Phantasie, durch die sich der Mensch hinter die Grenzen des Möglichen begeben kann.

In der berühmten Rahmenerzählung Tausendundeiner Nacht wird der persische König Schahrayar von seiner Frau betrogen. Davon überzeugt, dass es keine treue Frau auf Erden gibt, fasst der König den Entschluss, sich nie wieder betrügen zu lassen. Deshalb heiratet er jeden Tag eine neue Frau, die er am nächsten Morgen töten lässt. Um diesem Treiben ein Ende zu setzen, lässt Schehrazade, die Tochter des Wesirs, sich selbst zur Frau des Königs geben. In der Nacht beginnt sie dem König eine Geschichte zu erzählen, deren Handlung am nächsten Morgen abbricht. Neugierig auf das Ende der Geschichte lässt der König sie am Leben. Dieses Spiel geht 1001 Nächte lang, bis der König von der Treue seiner Frau überzeugt ist.

In den Schachtelgeschichten aus Tausenduneiner Nacht finden etliche nächtliche Abenteuer auf fliegenden Teppichen statt. Dabei ensteht eine Konstellation, die Genuss, Behaglichkeit, Intimität und magische Kräfte vermittelt. In manchen Übersetzungen der Erzählung ist das Bett kein Bett als solches, sondern ein fliegendes Sofa. Das Wort Sofa kommt vom Arabischen Suffah. Auch andere Wörter aus dem Nahen und Mittleren Osten wurden zur Benennung von Sofas entlehnt, wie etwa Ottomane.

Die Beziehung zwischen Sofa und Geschichtenerzählen findet nicht nur in Tausendundeiner Nacht ein wunderbares Echo, sondern auch in der Gestalt des berühmtesten Tagesbettes moderner Kultur, einem privilegierten Ort der modernen Phantasie: Sigmund Freuds analytischer Couch (genannt Ottomane), die er mit orientalischen Teppichen und Kissen bedeckte. Gab es Gründe warum er dies tat?

Freud sah eine Beziehung zwischen den Strukturen des Unbewussten und den geknüpften Mustern und Figuren eines Teppichs. Ihr Zusammenspiel zu untersuchen, kann die Funktionen des menschlichen Bewusstseins erschließen: Innerhalb einer Grundstruktur von Rahmen, Grund und Figur verbindet ein Teppichknüpfer strukturelle Motive in unendlicher Kombination. Dann wandelt er eine jede durch Variationen in Farbe, Größe, Qualität der Materialien unterschiedlich ab. Dass Rahmungen wiederum innerhalb weiterer Rahmungen präsent sind, wird auch in den Geschichten von Tausendundeiner Nacht erzählt – Wiederholungen, rekursive Handlungsmuster, Spiegelpaare und Verflechtungen werden durch den grundlegenden äußeren Rahmen, der Raum einer einzigen Nacht, vermittelt.

Alles, was die Geschichte aus Tausendundeiner Nacht vermittelt – schwerelose Beweglichkeit von Geist und Körper, Herrschaft des Begehrens über Zeit und Raum – sind wirkliche und buchstäbliche Ereignisse, von denen der modernen Mensch, während er schwitzend am Webstuhl der Existenz sitzt, träumt.

 

 


Ausstellungsansichten @ Kunstmuseum Bochum, 2020
© Simon Bierwald